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Zwölf Gespräche mit Bruder Franziskus

Über Liebe

 De ZeeInhalt

1. Gegenwart
2. Hunger
3. Bitter und Süss
4. Dein Bruder
5. Gemeinschaft
6. Arbeiten
7. Das Feuer des Anfangs
8. Stille Gewissheit
9. Unschuld
10. Wie das Meer
11. Aus Liebe für die Liebe
12. Ertrunken

1. Gegenwart

Auf dem Weg von Perugia nach Assisi fragte Bruder Leo Franziskus: „Franziskus, was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, Gott ist Liebe? “ Franziskus ging weiter, als ob er die Frage nicht gehört hätte. Und Leo wollte sie schon wiederholen, als dieser stehen blieb und ihn anhielt.

Er sprach leise und nachdenklich: „Wenn wir sagen, dass Gott Liebe ist, dann sagen wir eigentlich, dass Gott über unser Vorstellungsvermögen hinaus geht. Was ist Liebe, Leo, was ist Liebe?
Ist es die Anziehungskraft zwischen Geliebten? Ja, die hat sicher damit zu tun. Aber es ist nicht die Liebe.
Ist es die selbstlose Sorge einer Mutter für ihr Kind? Das ist sie sicher, aber es ist nicht die Liebe.
Ist es die Kraft, die Bäume wachsen lässt, Blumen duften und die Wolken regnen lässt?
Auch darüber können wir nichts anderes sagen, als dass es Liebe ist.
Aber es ist nicht die Liebe.
Ist es der Weg, der uns zu diesem Leben geführt hat? Ja, sicher, Liebe zog uns und stieß uns an, aber es ist nicht die Liebe.“

„In, unter und über dem allen ist eine Gegenwart,für die wir keinen Namen haben.
Wir nennen es Gott, wir nennen es Liebe. Aber wir wissen nicht, was wir damit sagen.
Liebe ist mit unserem Verstand nicht zu begreifen, man kann sie nicht kennen und sie nicht messen.Das geht über unseren Verstand hinaus.
Erst wenn ein Ende für alles Denken und Fühlen gekommen ist,können wir einen Abdruck davon in unserer Seele finden: ein tiefes Wissen von der endlosen Umarmung von Gott.“

„Müssen wir dann schweigen über die Liebe?“ fragte Leo.
„O nein“, beeilte Franziskus sich zu antworten.„Lassen wir die Liebe leben, sprechen, singen, tanzen;uns mit bewegen mit allem, was um uns herum lebt.
Machen wir alles hell und sanft durch unsere Art zu leben.
Aber ich wünschte mir, dass wir einsehen könnten,
dass Liebe nicht nur schön und gut ist.
Auch der Fels, der mir die nackten Füße abschürft,
der kleine Vogel, der aus dem Nest fällt,
das Kind, das stirbt,
alles ist ein Ausdruck dieser Liebe.

Das ist oft nicht leicht anzunehmen. Aber solange wir das nicht als Liebe erfahren können,
haben wir die Höhe, die Tiefe, den Umfang und die Intimität der Liebe noch nicht entdeckt.
Wenn wir darin die Liebe nicht sehen können, dann nicht deshalb, weil es keine Liebe ist, sondern weil unsere Augen verschleiert sind und unsere Seele noch nicht aufgeweckt ist.“

Leo öffnete seinen Mund, um weiter zu fragen. Aber Franziskus legte ihm den Finger auf den Mund.
„Es ist nun besser zu schweigen, Leo“, sagte er. Und er umarmte ihn.

Und sie gingen in Stille weiter.

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2.  Hunger

Sie näherten sich einem kleinen Dorf und beschlossen, sich im Schatten eines Wäldchens etwas auszuruhen. Leo holte etwas zu essen und zu trinken aus seinem Beutel und teilte es mit Franziskus. Dieser nahm das Brot in seine Hände und schaute lange danach. Er seufzte und sagte dann:

„Schau Dir dieses Brot an, Leo
Wir haben es uns nicht verdient. Es wurde uns gegeben.
Was haben wir dafür getan, um es zu bekommen?
Das werde ich Dir sagen:
Wir haben Hunger bekommen,
das war genug.
Und dann war da jemand anders, der das sah
und er gab uns von diesem Brot.
Unser Hunger, der andere und dieses Brot
hängen auf wunderbare Weise zusammen.“

Leo räusperte sich. So hatte er das noch nie gesehen.
Und er bekam richtig Appetit auf das Stück Brot.

Aber Franziskus war noch nicht fertig.
„Und das Brot selbst, Leo,
sieh nur, wie es uns von der Liebe erzählt.
Es wurde gesät, wuchs, wurde geerntet,
gewendet, gemahlen und in den Ofen geschoben.
Jetzt ist es für uns genießbar.
Jetzt ist es so weit, dass es seine Eigenart
vollständig aufgibt und ich wird
und Du wird und jedermann wird, der davon isst.
Genauso ist es mit der Liebe.
Aber wir wollen Gott nun danken und etwas essen.“
Sie beteten und nahmen von dem Brot.

Leo dachte noch darüber nach, was Franziskus gesagt hatte.
„Aber Franziskus“ sagte er kauend,
„ist die Liebe für uns Menschen dann überhaupt zu erreichen?“

Franziskus schmunzelte.
„Andersrum Leo, andersrum.

Wir erreichen die Liebe nicht,
die Liebe erreicht uns.
So wie dieses Brot uns gefunden hat,
weil wir Hunger hatten.
So wie dieses Brot unser Leben wird,
indem wir es vermahlen.
Das einzige, was wir noch tun müssen,
ist hungern, uns säen lassen, ernten,
dreschen und kneten.
Darin ist die Liebe am Werk.
Und wie sehr verlangt die danach,
sich uns zu zeigen.
Aber das geht nun einmal nicht
ohne das sich Ausliefern und die Bereitschaft,
als Korn zu Brot umgeformt zu werden.“

„Und wenn ich das nun nicht will?“ fragte Leo.

„Auch dann kann die Liebe Dich überrumpeln.
Aber ich glaube, dass es schon etwas hilft,
wenn Du dafür offen bist.“ schloss Franziskus,
während er aufstand
und den Staub von seinen Kleidern schüttelte.
„Komm Leo, genug gegessen, genug geredet.

Gehen wir weiter…“

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3. Bitter und süß

Während sie auf dem Weg weiter gingen, kamen sie bei einem Garten mit Olivenbäumen vorbei. Zwischen den Bäumen standen Weinstöcke, an denen die Trauben schon herrlich gefärbt und prall voller Saft waren. Leo, der seinen Magen noch spürte, schien sie rufen zu hören: „Pflück mich, pflück mich!“ – Und während Franziskus weiter lief, betrat Leo den Garten und pflückte einige Trauben.
Begeistert kehrte er zurück auf den Weg, als er hinter sich ein lautes Geschrei hörte. Er sah sich um und sah einen Mann mit einem Knüppel auf sich zukommen.

Leo wusste sich keinen Rat. Er fühlte sich plötzlich wie ein Schulkind, das erwischt wird. Der Mann überhäufte ihn mit Schimpfworten und war so erregt, dass er anfing, mit dem Knüppel um Leo herumzutanzen, so als wollte er ihm eine kräftige Tracht Prügel verabreichen wollte.

Franziskus war mittlerweile zurückgekehrt, als er den Lärm gehört hatte. Er sah die schwieri­ge Lage von Leo und ging auf den Mann zu. Der Bauer schien ihn zu erkennen und richtete nun seine Schimpfkanonade gegen Franziskus. ‚Den Heiligen raushängen lassen und in der Zwischenzeit die Armen bestehlen, die im Schweiße ihres Angesichts ihre karge Kost verdie­nen! Schmarotzer seien sie und Einfaltspinsel. Aber er werde ihnen schon die Leviten lesen! Sie sollten festgenommen werden. Sie seien ein Schandfleck für die Kirche und für die Stadt…‘

So redete der Mann in einem fort, bis er sich ausgetobt hatte. Beide Brüder hatten die ganze Zeit nichts gesagt. Leos bleiches Gesicht wurde langsam rot vor Empörung. Aber Franziskus stand mit glänzenden Augen da und schaute den wütenden Bauern freundlich an.

Leo wollte dem Bauern die Trauben zurückgeben, aber der wollte sie nicht anrühren. So stand Leo mit den Trauben in den Händen da und wusste nicht so recht, was er nun mit ihnen machen sollte.

Franziskus sagte dem Bauern, er habe vollkommen recht, mit allem was er gesagt habe, und dass es ihm leid täte, dass sie ihn wütend gemacht hätten, weil sie von seinen Trauben genommen hatten. Er bot an, den Schaden wiedergutzumachen und für den Bauern zu arbeiten. Aber davon wollte der Bauer nichts wissen und machte sich wütend davon.

„Komm Leo“ sagte Franziskus, „wir gehen weiter.
Und nimm die Trauben mit, die der Bauer uns überlassen hat.“
Darauf Leo, unsicher: „Aber was machen wir dann mit den Trauben?“
„Aufessen“ sagte Franziskus, „Traube für Traube.
Und jedes Mal, wenn wir ihre Süße schmecken,
denken wir über die treffenden Worte des Bauern nach.“
„Treffende Worte?“ antwortete Leo erstaunt.
„Ja, Leo, treffende Worte.
Der Bauer hat uns nicht nur Essen und Trinken gegeben
indem er uns die Trauben ließ,
sondern uns auch Essen und Trinken für unsere Seele gegeben.“
„Häää…???“
„Ja“, sagte Franziskus „der Bauer hat uns gut erkannt.
Wir sind schon ein paar Schmarotzer und Heuchler.
Es geht darum, dass wir die Worte dieses guten Mannes
zu uns durchdringen lassen.
und dass wir schließlich nichts anderes sagen können als:
Ja, er hat Recht: wir taugen zu gar nichts.“
Als Leo daraufhin nicht reagierte,
legte Franziskus ihm die Hand auf die Schulter
und sah ihn an:
„Leo, hast Du geglaubt, der Mann hätte von selbst so mit uns gesprochen?“
Leo wartete ab.
„Es war die Liebe Gottes, die ihm diese Worte eingab.
Er schien vielleicht ein wütender Bauer mit einem Knüppel zu sein,
aber wenn Du gut hingeschaut hast,
hast Du gemerkt, dass es ein Engel des Allerhöchsten war.“
 „Na, na“ brummte Leo, „das geht schon ein bisschen weit…“
„Weißt Du, Leo, es überhaupt nicht schwer,
Worte von Menschen anzunehmen, die uns lieben und uns achten.
Aber wenn Menschen etwas darüber sagen, wie wir wirklich sind,
dann sind wir darüber empört.
Ja, wir sind unausstehliche Egoisten,
die nur an ihren eigenen Bauch oder ihr eigenes Seelenheil denken.
Wir glauben, dass wir was ganz Besonderes sind,
weil wir versprochen haben, dem Evangelium Gottes zu folgen,
aber eigentlich sind wir keinen Deut besser
als jeder beliebige, dahergelaufene Kerl.
Und der Bauer da war bereit,
uns einmal die Wahrheit deutlich zu sagen.
Damit hat er uns einen großen Dienst erwiesen.
Das ist zwar nicht so ganz einfach anzunehmen,
aber wenn Du seine Worte in Deine Seele hinein lässt,
während Du seine Trauben genießt,
dann wirst Du merken, dass er Recht hat.“

Leo wusste nicht mehr, ob er jetzt noch Appetit auf die Trauben hatte.
Aber Franziskus aß mit Freude davon,
während er nickte und Bemerkungen murmelte wie
„Ja, richtig!“ und „Ja, das stimmt voll und ganz!“
Leo nahm sich zusammen,
und als er von den Trauben nahm,
veränderte sich, was erst noch bitter und ungerecht erschien,
langsam in einen Mund voller Süßigkeit.
Und so liefen sie weiter, auf dem Weg nach Assisi.

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4. Dein Bruder

Sie näherten sich Portiuncula und unbewusst begannen sie, schneller zu laufen. - Portiuncula, das Kirchlein, wo alles angefangen hatte. Ihr Lieblingsort. Es waren nur ein paar Brüder zuhause. Die sie sahen, gaben es an die anderen weiter: „Der Bruder kommt.“ Und wer es konnte, lief ihnen entgegen. Sie umarmten einander und tauschten ihre Erfahrungen aus, während sie zu den Hütten bei dem Kirchlein liefen. Da sah Leo gerade noch, dass Bruder Bruno sich aus dem Staub machte, so als ob er dringend etwas anderes zu tun hätte.

Abends, nach dem Gebet, saßen die Brüder noch etwas beim Feuer unterm Sternenhimmel zusammen. Bruno war nicht dabei. Allmählich suchte jeder seinen Strohsack auf. Leo und Franziskus blieben zurück.

Es war Franziskus, der die Stille unterbrach:
„Leo, wir dürfen nicht urteilen über jemand anderen.“
„Ja, Franziskus, das weiß ich.
Ich will auch nicht urteilen.
Ich würde ihn am liebsten umarmen
und ihn fragen, was bei ihm nicht in Ordnung ist.
Aber er scheint mich und Dich wie die Pest zu meiden.“
„Du sagst es, Leo, wie die Pest!
Es ist eine Krankheit, die keiner haben will,
aber die zuschlägt, wenn man am wenigsten damit rechnet,
und die einen voll und ganz in Beschlag nehmen kann,
bis man sich vor sich selber ekelt
und vor allem, was um einen herum ist.“

„Glaubst Du, dass er eine ansteckende Krankheit hat
und darum aus Liebe zu seinen Brüdern den Umgang mit uns meidet?“
fragte Leo mit Schrecken in der Stimme.
„Nein, es ist keine körperliche Krankheit,
sondern eine seelische.
Unser Bruder muss in seinem Herzen einen Kampf ausfechten.
Und dass ist möglicherweise noch schwerer als eine körperliche Krankheit.
Er muss diesen Kampf selber auf sich nehmen.
Niemand kann das für ihn tun.“

„Können wir denn gar nichts für ihn tun?“ fragte Leo.
„Doch“ sagte Franziskus „aber es ist nicht gerade einfach.
Wir können ihn von ganzem Herzen
und aus ganzer Seele lieben.“

„Die Bibel sagt, dass wir Gott so lieben sollen.“
 „Ja“ bestätigte Franziskus „so sollen wir Gott lieben
und deshalb natürlich auch unseren Bruder.
Es ist ja in seinem Leiden, dass Gott uns begegnet
und um Liebe bettelt.“
„Bettelt?“
„Ja, bettelt. Gott ist Liebe und wenn es keine Liebe gibt,
kann Gott nicht Gott sein.
Darum bettelt Gott um Liebe, um Gott sein zu können.
Um Gott für Bruno sein zu können.“

Darüber musste Leo kurz nachdenken. Er war nun wieder hellwach.
„Meinst Du, dass wir ‚Gott sein müssen‘ für Bruno?“
„Genau Leo, das ist es.“
„Ist es nicht hochmütig, so etwas auch nur zu denken?“
„Es ist nicht hochmütig, Leo, es ist die größte Niedrigkeit.
Gott sein für jemand anderen, Liebe sein für Deinen Bruder,
das ist keine Angelegenheit des Egos.
Das kann man nur in aller Niedrigkeit,
weil man sich selbst verleugnen muss,
um zum Vehikel dieser Liebe zu werden.
Es ist ja nicht unsere Liebe,
sondern Gottes Liebe in unserer Liebe,
die unseren Bruder heilen kann.“
Leo wurde ein wenig müde. Er gähnte und fragte Franziskus,
ob sie morgen weiter darüber sprechen könnten.
Dann wäre er wieder etwas fitter.
„Ist gut, Leo“ sagte Franziskus „schlaf gut!“

Und er selbst starrte noch lange in die glühende Asche des Feuers.

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5. Gemeinschaft

Jetzt wo Franziskus da war, wollten die Brüder gerne ein Hauskapitel mit ihm halten. Als Thema hatten sie ein Stück aus einem Psalm ausgewählt. „Wie gut und wie schön ist es, als Brüder zusammen zu wohnen.“

An diesem Tag regnete es, so dass die Brüder dicht zusammengedrängt unter dem Abdach saßen.
Sie begannen mit einem Gebet und dem Vorbeten des Psalms. Dann konnte jeder, der das wollte, das Wort ergreifen. Einige Brüder fingen an und erzählten, wie schön sie es fanden, in einer Gemeinschaft zu wohnen, wo die Menschen ein Herz und eine Seele waren. Andere bemerkten, dass es doch nicht immer so einfach sei.
„So viele Köpfe, so viele Meinungen.“ meinte einer von ihnen. Und es zeigte sich, dass das Zusammen­leben allerlei Unannehmlichkeiten und sogar manche Ärgernisse mit sich brachte. So kam jeder zu Wort. Nur Franziskus hatte noch nichts gesagt.
So fragten sie ihn nach seiner Meinung.

„In der Tat ist das Zusammenwohnen mit Brüdern
eine große Gnade und auch eine große Aufgabe.
Ich habe viele schöne Dinge gehört.
Ich danke dem Herrn dafür.
Ich habe auch gespürt, dass es einiges an Verärgerung gibt.
Das überrascht mich nicht.
Ich ertappe mich ja selbst dabei, dass ich oft und vorschnell
eine Meinung über einen anderen Bruder habe
oder über seine Art und Weise zu arbeiten oder sich zu verhalten.
Aber dabei will ich es nicht belassen.
Wenn ich in mir selbst Verärgerung spüre,
dann will ich die genauer untersuchen.
Wo kommt die her?
Vielleicht sagt mein Gefühl ja mehr über mich
als über den anderen Bruder.
Darum will ich mir immer
die grundlegenden Entscheidungen unseres Lebens vor Augen halten
und von da aus mich selbst und diesen Bruder anschauen
und hinhören.“
„Was meinst Du mit den grundlegenden Entscheidungen?“
fragte einer der Brüder.

„Darf ich Dir eine Frage stellen?“ fragte Franziskus.
„Woran erkannten die Menschen die ersten Christengemeinden?“
„An ihrer gegenseitigen Liebe“ antwortete der Bruder prompt.
„Das hast Du richtig gesagt.“
„Aber muss man denn alles mit dem Mantel der Liebe bedecken?“
drängte der andere.
„Vielleicht muss das manchmal so sein“ reagierte Franziskus,
„aber ich würde mir wünschen, dass wir das anders betrachten.
In jedem von uns brennen das Licht und die Liebe Gottes.
Er hat uns auf diesen Weg gebracht und uns zusammengeführt.
Und natürlich geht nicht immer alles ganz glatt,
wenn so verschiedene Menschen zusammenleben.
Aber wenn Du merkst, dass bezüglich eines Mitbruders
Unfriede in Dir lebt,
versuch dann, das als Einladung zu verstehen,
den anderen auf eine andere Art anzuschauen.
Nicht in dem Bereich, wo Dein Ärger ist,
sondern auf einer tieferen Ebene.
Frag Dich selbst:
Was will Gott Dir in seiner Liebe beibringen
durch das Verhalten des anderen.
Versuch zu entdecken, welches Licht da auf Dich geworfen wird.

Und er sagte weiter. „Wir können den anderen nicht verändern.
Was wir wohl verändern können, das ist unser eigenes, verstocktes Herz.
Die Liebe lädt uns dazu ein, die Härte in uns abzumildern,
sodass die weiche Innenseite zum Vorschein kommen kann.
Ein sanftes Herz, liebevolle Augen
und eine Zunge, die zu schweigen weiß.
Darum geht es, wenn Brüder zusammenwohnen.

„Das ist leichter gesagt als getan.“ warf ein Bruder ein.

„Das weiß ich nicht, Bruder“ sagte Franziskus.
„das ist gar nicht so leicht gesagt,
denn ich habe selbst sehr viel darunter gelitten.“
Und er setzte hinzu:
„Es ist eine ganze Menge geschehen,
wenn andere von einem sagen können:
‚Schau nur, wie sie einander lieben.‘
Aber das ist wirklich der Kern des Ganzen.
Darum geht es letztendlich.“

Und er schloss:
„So, indem wir einander vorurteilsfrei annehmen,
als Geschenk von Gott,
schaffen wir zusammen den Raum,
in dem die Liebe Gottes
in gegenseitiger Dienstbereitschaft sichtbar wird.“

Durch diese Worte fühlten sich die Brüder gestützt und gestärkt.
Und sie umarmten einander
und nahmen sich vor,
die Liebe immer mehr zur Blüte kommen zu lassen.
Franziskus sah es und sein Herz füllte sich mit großer Freude.

Draußen hatte es aufgehört zu regnen.
Die Vögel sangen und das Land duftete nach einer neuen Zeit.

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6. Arbeiten

Am nächsten Morgen hörte man das Krähen eines Hahnes. Zeit fürs Morgengebet. Die Brüder standen von ihren Strohsäcken auf und suchten einen Platz, wo sie in der Morgenröte gut den Sonnenaufgang sehen konnten. Sie sangen zusammen Psalmen und beteten viel in Stille, wobei die Vögel den Psalmengesang der Brüder fortsetzten. In den Tümpeln quakten Frösche. Die Sonne ging auf.

Nach dem Frühstück gingen die Brüder an die Arbeit. Franziskus machte die Latrine sauber. Leo wunderte sich immer wieder darüber, dass Franziskus sich für diese dreckige Arbeit entschied. Aber er half mit. Und während sie mit Eimern und Reisigbesen an die Arbeit gingen, fragte Leo ihn:

„Franziskus, warum entscheidest Du Dich immer für diese Art von Arbeit? Könntest Du nicht viel besser für die Menschen predigen, um ihnen das Evangelium zu verkünden?“
„Ach Leo“ antwortete Franziskus, „diese Arbeit ist eine Predigt.
Es ist nur nicht so sehr eine Predigt für andere Menschen als vielmehr eine Predigt für mich selber.“
„Wieso das?“ fragte Leo.
„Weil alle Arbeit für die Gemeinschaft gleich wertvoll ist. Das eine tust Du vielleicht lieber als das andere.
Aber warum machst Du andere Arbeit lieber?
Das ist doch deshalb, weil Du ihr für dein Empfinden mehr Ehre zumisst oder mehr Freude daran hast.
Oder weil Du glaubst, dass sie besser im Einklang mit Deinen Talenten steht.
Und darum begeht man sehr leicht den Irrtum zu glauben, dass die eine Arbeit schöner und wertvoller ist als die andere.
Aber so ist es nicht, Leo. Das ist nur ein Gedanke.
Und diese Art zu denken entfernt Dich von der Gemeinschaft.“

„Diese Arbeit ist ein Dienst an der Gemeinschaft, das verstehe ich.“ sagte Leo.
„Aber warum ist es dann eine Predigt für Dich selbst?“
„Weil ich auch immer wieder in die Versuchung komme, zu denken,
dass ich dem Herrn auf eine andere Art doch viel besser dienen könnte
als wenn ich die Latrinen sauber mache.
Aber das ist nicht so.
Indem ich diese Arbeit aus Liebe für die Brüder tue
und sie mit ganzer Aufmerksamkeit und ganzem Einsatz verrichte,
kann ich meinem nachdenklichen Kopf das Schweigen auferlegen.
Und so wird dieses Tun zu einer Arbeit aus einem betenden herzen heraus.“

Sie holten Eimer mit Wasser aus dem Bach.
„Schau, dieses Wasser, Leo“ begann Franziskus wieder,
„es ist so klar als ob es gerade erst geboren wurde.
Es kommt frisch aus den Bergen herab in dieses Tal.
Auf dem Weg gibt es Menschen, Tieren und Pflanzen zu trinken.
Und was machen wir damit?
Wir spülen unsere Haufen damit weg.
Stell Dir nur vor, das Wasser würde das für unter seiner Würde halten
und dass es sich weigern würde, die Latrine sauber zu machen…“
„Dann blieben wir auf einem ganzen Haufen Dreck sitzen“ ergänzte Leo.

„Genau. Lass uns darum unvoreingenommen werden wie dieses Wasser und genau so demütig.
Dann wird jede Arbeit zum Dank und zum Segen.
Das ist es, was ich mir selbst vorhalte, wenn ich wieder mal hochmütig denke.
Und nach so einer Predigt an mich selber fühle ich mich wieder ganz verbunden mit dem Gesamten und mache meine Arbeit gern.“

„Ja, Leo“ fasste Franziskus zusammen,
„es ist leichter für andere zu predigen als für sich selbst.
Aber ich glaube, dass es besser und schöner ist, wenn wir vor uns selbst gut auf der Hut sind und barmherzig zu anderen.“
Und nach einem letzten Wasserguss sah der Ort wieder strahlend sauber aus.
Sie schauten zufrieden darauf.
„Schöne Predigt, Franziskus“ witzelte Leo.

Darauf Franziskus:
„Und wenn Du noch einen guten Rat von einem armen Narren annehmen willst, dann sage ich Dir Folgendes:
Es gibt keine Predigt für einen selber, die besser wäre als die Predigt des Handelns.
Gib Dir selbst keine Kommentare unter einem Baum sitzend, sondern mach Dich an die Arbeit und tu, was zu tun ist.
Damit lässt Du die Liebe strömen.
Und es macht Dich innerlich hell und klar
und Du erweist der Gemeinschaft auch noch einen Dienst.“

„Ich kapier‘s, Franziskus, ich kapier‘s“ sagte Leo.
„Ich bin schon neugierig auf die nächste Predigt…“

Franziskus lächelte und sie brachten zusammen die Besen und die Eimer weg und schauten sich um, was es noch mehr zu tun gab.

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7. Das Feuer des Anfangs

Um Portiuncula waren einige Brüder im Gemüsegarten, im Wald oder beim Fischen beschäftigt.
Es war Franziskus aufgefallen, dass Bruno sich schon eine ganze Zeit abseits der Gemeinschaft hielt. Jetzt sah er ihn zwischen den Bäumen Reisig sammeln und suchte unauffällig seine Nähe. Während er – mit einem Gebet im Herzen – totes Holz zusammensuchte, hörte er nach einiger Zeit ganz  in der Nähe ein Räuspern. Es war Bruno.

„Bruder, was kann ich für Dich tun?“ fragte Franziskus, während er sich aufrichtete.
„Nichts“ sagte Bruno.
Franziskus bückte sich wieder, um Zweige aufzulesen und so arbeiteten sie schweigend nebeneinander her.
„Ich höre auf“ sagte Bruno.
Franziskus richtete sich auf.
„Ich mache ein Ende. Ich kann das nicht.“
Franziskus setzte sich an einen Baum und machte für Bruno Platz.
Dieser zögerte etwas und setzte sich dann, halb abgewendet von Franziskus, neben ihn an den Baumstamm.
„Erzähl“ sagte Franziskus.
„Was soll ich da erzählen?“ fragte Bruno. „Alles in meinem Kopf und in meinem Herzen ist verwirrt. Es ist ein einziger großer Knoten. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich will so nicht weitermachen. Ich höre auf.“
„Du leidest?“ begann Franziskus.
„Ja, es tut weh. So schrecklich weh. Ich hatte meine ganze Hoffnung darauf gesetzt. Aber das einzige was dabei herauskommt, ist dass ich mir selbst und meinen Brüdern zur Last falle.
Sie meiden mich und ich meide sie.“
„Was hattest Du erwartet?“ fragte Franziskus.
„Nun, dass ich glücklich werden würde natürlich. Dass dies mein Leben wäre. Dass ich mit Freude Gott und den Brüdern dienen würde. Aber mein Gebet ist dürr und leer und die Bruderschaft wird mir zur Last. So will ich es nicht.“
Franziskus schwieg. Bruno schwieg.
Der Geruch von Tannenharz lag in der Luft. Hier und da sang ein Vogel. Ameisen gingen unverdrossen fort mit ihrer Arbeit.

Franziskus schaute vorsichtig zur Seite und sah, dass Bruno still vor sich hin weinte. Er suchte die Hand des Bruders und legte seine darauf.
Bruno begann zu erzählen: „Wenn Gott Liebe ist, warum macht er es mir dann so schwer? Ich möchte nichts lieber als vor seinem Angesicht zu leben. Ich habe gefastet, gebetet, mich selbst gezüchtigt, aber er erhört mich nicht. Es ist eiskalt in meinem Inneren. Ich kann mir selbst keine Wärme mehr schenken. Ich schlafe nicht mehr. Ich tue nur so. Ich tue die ganze Zeit nur so als ob.
Ich dachte, dann kommt es vielleicht wieder zurück…“
„Was sollte denn zurück kommen?“
„Die Verzückung, Franziskus, das Durchströmt werden  von Glück, weil man Gottes Willen tut. Dass man sich gesehen fühlt vom Allmächtigen, dass ich meinen Ort in diesem Leben gefunden habe. Aber da ist nichts, es ist leer und dunkel.“
Die Tränen flossen nur so.

Franziskus brach es das Herz. Tränen strömten aus seinen Augen. Er setzte sich näher zu Bruno und nahm seine Hand fest in beide Hände.
„Bruder“, begann er „darf ich Dich was fragen?“
Bruno nickte, während er ein paar Tränen verdrückte.
„Woher wusstest Du – als Du anfingst – dass dies Deine Lebensentscheidung werden sollte?“
„Ich sah die Brüder und ich sah Dich.
Ich sah die Freude, aus der ihr lebtet.
Es schien so voller Liebe zu sein,
dass eure Gesichter strahlten.
So ein Glanz, wie aus einer tiefen, inneren Quelle.
Und ich fühlte mit jeder Faser meines Körpers:
ich will mich auch an dieser Quelle laben. So in Liebe leben.
Darum habe ich mich der Bruderschaft angeschlossen.“

In Gedanken war er ganz in seiner Anfangszeit
und sein Gesicht schien heller zu werden:
„Oh, die Freude des Anfangs.
Wir waren zufrieden, wenn wir gar nichts besaßen,
wir tanzten mit leerem Magen über die Felder.
Die Menschen schauten uns nach.
Wir lasen die Geschichte von Jesus
und ich fühlte mich wie seine Jünger: ganz nah bei Gott.
Wir hatten keine Bücher nötig, um zu beten.
Wir beteten mit allem um uns herum mit.
Überall sahen wir die Bäume, Gräser, Blumen im Gebet
und wir schlossen uns dem einfach an.
Ein Ganzes, ein großes, liebevolles Ganzes
und ich war ein Teil davon.“

In seiner Stimme klang langsam mehr von der Trauer mit über das,
was verloren war.
„Und sieh mich jetzt an. Ein Häufchen Elend. Ich habe mich nicht einmal getraut,
zu Dir zu kommen, aus Angst, dass ich nicht nur mich selbst, sondern auch Dich noch enttäuschte.“

Bruno schwieg plötzlich und weil er nicht weitersprach,
nahm Franziskus das Wort.
„Dein Schmerz geht tief, Bruder. So tief, dass er auch mich berührt.
Aber vielleicht darf ich Dir sagen, was mir auffällt.“
Bruno nickte und putzte sich die Nase.
„Als Du vom Anfang erzählt hast,
fing Dein Gesicht an, sich aufzuhellen
und Du fingst wieder an, so wie früher zu strahlen.“
Bruno nickte: „Es war so schön.“
„Ja“ korrigierte Franziskus „es ist immer noch so schön.
In Dir ist dieser Anfang immer noch da.
Du hast es gerade noch gezeigt.
Das ist kostbar, Bruder, das ist ein kostbares Juwel,
das Du in Dir hast und mit Dir trägst.
Pfleg es. Es ist eine große Gnade, einen solchen Schatz in sich zu haben.“

Bruno wartete ab, worauf Franziskus hinauswollte.
„Wenn ein Mensch älter wird,
kann es sein, dass seine Ideale durch die Entbehrungen,
die wir auf unserem Lebensweg erleiden, austrocknen.
Irgendwas an der Situation stimmt nicht,
andere Menschen wollen nicht mitmachen
und vor allem: wir enttäuschen uns selbst so sehr.
Nur wenige Ideale halten dem Zahn der Zeit
und der Erosion der Erfahrung stand.
Aber das ist kein Grund, um die Ideale dann fallen zu lassen.
Es ist dann die Kunst, um sie – durch Gottes Gnade –
so zu vertiefen, dass sie nicht im täglichen Wahnsinn verloren gehen.
Es ist wie mit dem Feuer.
Wenn Du mit Spänen und trockenem Holz Feuer machst,
werden die Flammen schnell auflodern.
Aber wenn Du willst, dass das Feuer brennen bleibt,
dann musst Du es mit dickerem Holz nähren.
Du musst dabeibleiben und dafür sorgen, dass es nicht aus geht,
bis sich im Herzen des Feuers eine glühende Masse entwickelt hat,
die weiterschwelt und sich jeden Moment
wieder aufs Neue entflammen kann.“
Franziskus wies auf die Zweige, die Bruno gesammelt hatte.
„Vielleicht hast Du darum Holz gesammelt.“

„Ich bin in den Wald gegangen, um etwas zu tun zu haben;
um nicht an mein Elend zu denken.“ sagte Bruno.
„Das ist vernünftig, aber vielleicht war es Deine Seele,
die Dir das eingab, um das Feuer des Anfangs wieder neu zu entzünden.“
Eine Glocke läutete. Es war zwölf Uhr. Zeit für den ‚Engel des Herrn‘.
„Komm“ sagte Franziskus „lass uns hier zusammen das Mittagsgebet beten.
Gleich können wir uns weiter unterhalten.“
Er kniete sich hin. Bruno blieb am Baumstamm sitzen.

Franziskus fing an, das ‚Gegrüßet seist Du Maria‘ vorzubeten, aber es schien, als ob er dabei den Faden verlor. Sein Gebet wurde immer persönlicher und intensiver. Und Bruno spürte, dass er vom Gebet von Franziskus mitgezogen wurde. Das Angelus-Läuten war schon längst verklungen, als Franziskus‘ Herz zur Ruhe kam und noch in stillem Gebet verharrte. Bruno wagte kaum zu atmen. In seinem Inneren war völlige Reinheit entstanden, ein stiller Raum. So hatte er noch nie gebetet.

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8. Die stille Gewissheit

Franziskus hatte auf seinen Knien gelegen und während des Mittagsgebets für die Bruderschaft gebetet. Er massierte seine Knie, die ihm nun weh taten, und er richtete sich wieder an Bruno.

„Bruno, mein lieber Bruder, Du sollst eins wissen:
wie Du Dich auch immer entscheiden magst,
ich werde Dich mit aller Kraft, die in mir ist, unterstützen.
Du bist ein guter Mensch.
ich weiß nicht, was Gott mit Dir vorhat,
Aber ich will gerne mit Dir herausfinden,
ob wir darüber vielleicht etwas sagen können.
Ist das in Ordnung?“
„Oh ja, Franziskus, gerne.“

„Wie können wir wissen, was Gott von uns will?“ fragte Franziskus.
Nach einigem Nachdenken antwortete Bruno:
„Wenn es uns glücklich macht.“
„Ja, das hast Du schön gesagt“, antwortete Franziskus „aber das ist nicht alles.
Viele Menschen verwechseln Glück mit einem Gefühl von Glück.
Und Gefühle haben nun einmal die Neigung zu kommen und zu gehen.
Wenn wir unser Leben darauf aufbauen wollen, dann kann es passieren,
dass wir durch unser Glücksgefühl durchsacken.
Vielleicht sogar bis in ein tiefes Loch, zum Beispiel.“
„So wie ich jetzt?“ versuchte Bruno dem Gedanken zu folgen.
„Vielleicht“ sagte Franziskus vorsichtig.
„Vielleicht, aber ich glaube zu wissen, dass es ein anderes Merkmal gibt,
um unser Leben einzurichten, anders als das Glücksgefühl.“
„Was denn?“
„Die stille Gewissheit“ sagte Franziskus,
„ein tiefes, inneres Wissen, bei dem es kein Halten mehr gibt,
dass man genau das tun muss…“

„Aber dabei kann ich mich selbst doch auch zum Narren halten?“
merkte Bruno an.
„Das stimmt, aber es gibt doch ein paar Hinweise,
die Dir helfen können zu erkennen, ob es echt ist oder nicht.
Zumindest ist es mir so ergangen.“

„Erzähl, Franziskus!“
„Ich hatte das Gefühl, dass meine Bestimmung irgendwo tief in mir
darauf wartete, entdeckt zu werden;
dass sie sich ab und zu meldete,
aber dass ich nicht darauf hören wollte,
weil es nicht meinen eigenen Erwartungen an mich entsprach.
Es kann offensichtlich ziemlich lange dauern,
bevor man diese innere Gewissheit wirklich an sich heranlassen kann.
Ich musste mich erst davon lösen, was andere von mir erwarteten,
und dann auch noch davon, was ich selbst von mir erwartete.
Und das war schon schwierig genug.
Aber immer war da dieses tiefe, unruhige, ja verunsichernde Wissen,
dass da etwas in mir verborgen lag, das ans Licht kommen wollte.
Schließlich habe ich es doch riskiert,
den Willen Gottes wirklich verstehen zu wollen.
Es war, als ob ich mich in die Höhle des Löwen begab.“

„Die Höhle des Löwen?“ fragte Bruno verwundert.
„Ja, es klingt vielleicht nicht besonders respektvoll, aber ich hatte Angst davor wie vor einem wilden Tier, das mich übermannen und  verschlingen würde, wenn ich es zuließ.“
Und er setzte hinzu „Als ich mich dann schließlich geschlagen gab,
die Einsamkeit suchte und mich in diesen Raum hineinbegab,
entdeckte ich ein Verlangen, das mir voll und ganz widerstrebte.
Und merkwürdigerweise war das für mich ein Zeichen, dass es echt war.“
Bruno fragte „Wieso?“
„Wenn Du in Deiner Tiefe etwas entdeckst,
was Du immer schon gewusst hast und auch gewollt hast,
dann musst Du wahrscheinlich tiefer suchen
und zwar nach dem, was Dich aus dem Lot bringt.
Zumindest ist es mir so ergangen.
Es hat sehr lange gedauert, bevor ich sagen konnte:
Der Herr hat mir klar gemacht, dass ich nach seinem Evangelium leben sollte.
Als mir das langsam deutlicher wurde, reagierte ich erst mit
„Oh Gott, bloß das nicht!“

Aber genau das war es.“

„Und dann wusstest Du genau, was Du tun musstest?“ unterbrach ihn Bruno.
„Nein, dann ist noch lange nicht alles klar.
Du musst es erst für Dich selbst deutlich haben und deutlich formulieren können.
Weißt Du, Bruno, ‚Leben nach dem Evangelium‘ klingt so kindlich einfach.
Aber mein ganzes Leben sollte dadurch auf den Kopf gestellt werden.
Und als ich mich endlich traute, das vor mir selbst zuzugeben,
begann eine ganz eigenartige Freude in meinem Inneren zu glühen
und ich wurde mir immer sicherer.“

„Und dann kommt - wenn ich das mal so sagen darf - eine dritte Phase.
Dann hast Du es für Dich selbst klar und deutlich.
Aber dann musst Du es erst noch in der Welt vertreten.
Dann fängst Du an, andere zu enttäuschen,
auch Menschen, die Dir lieb und teuer sind,
weil Du etwas tun musst, was von dem abweicht,
was man von Dir erwartet.
Und das ist nicht gerade schön. Das tut weh.
Und doch… jedes Mal, wenn ich es anderen erzählte oder zeigte,
wuchs meine Überzeugung, dass es genau das war,
was der Herr von mir wollte.“

„Und dann wusstest Du, was Du tun musstest?“ fragte Bruno noch einmal.

„Nein, eben nicht. Aber das war nicht mehr wichtig,
denn ich hatte mein Leben aus der Hand gegeben.“
Als Bruno ihn erstaunt anschaute, lächelte Franziskus und sagte:
„Guck erst mal, ob meine Geschichte Dir überhaupt weiterhilft,
um mehr Deutlichkeit darüber zu bekommen, was Gott von Dir will.“

Dann wurde Franziskus wieder ernst:
„Ich sage es Dir noch einmal, Bruno,
was es auch sein mag, was der Herr Gott von Dir will,
tu es mit meinem Segen.“
Er machte ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn, umarmte ihn kurz,
sammelte dann das Brennholz auf
und ließ seinen Bruder mit seinen Gedanken allein.

Bruno lehnte sich an den Baum und richtete seinen Blick zum Himmel,
wo Schwalben Futter für ihre Jungen suchten.

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9. Unschuld

Es war den Brüdern schon häufiger aufgefallen, dass allerlei Tiere sich nicht aus dem Staub machten, wenn Franziskus vorbei kam, ja, dass sie sogar seine Gesellschaft aufzusuchen schienen. Das machte auf Bruder Leo einen großen Eindruck. Er war ein Mann, der eigentlich so ein bisschen neben der Natur her lebte. Beten und betteln waren seine Lebensaufgaben. Und dabei spielte die Natur nur eine bescheidene Rolle. Weil die Tiere sich Franziskus gegenüber anders verhielten als ihm gegenüber, fing Leo an, aufmerksamer zu schauen. Sowohl auf die Tiere wie auf sich selbst. Ein Hühnchen, das sie geschenkt bekamen, war nicht nur eine willkommene Bereicherung der Mahlzeiten der Brüder, es wurde mit der Zeit für ihn auch zu einem eigenständigen Wesen. Manchmal konnte er das Scharren und Gackern dieses Tieres regelrecht genießen. Und wenn es durch Bruder Koch gefangen wurde, um geschlachtet zu werden, spürte Leo, dass ihm ein wenig wehmütig ums Herz wurde. „Ich werde sentimental.“ sagte er zu sich selbst. Und er beschloss, mit Franziskus darüber einmal zu sprechen.
                       
„Franziskus, was ist das eigentlich, dass die Tiere zu Dir kommen?“
„Ich weiß es nicht, Leo. Ich bin manchmal genauso überrascht wie Du. Warum fragst Du das?“
Und Leo erzählte, dass er anfing, Tiere immer mehr als Individuen zu erfahren. Und dass er sich die Frage stellte, ob das nicht ein wenig eigenartig sei. Wenn das so weiterginge, würde er keinen Bissen Fleisch mehr durch die Kehle kriegen.
Franziskus hörte amüsiert zu.
„Nun, das ist dann ja schon was ganz Besonderes.
Dann wirst Du der erste vegetarische Löwe, Leo.“
Leo reagierte nicht auf den Witz und wartete auf eine weitere Antwort.
Franziskus fügte hinzu:
„Ich sehe Tiere tatsächlich mit anderen Augen, und übrigens nicht nur Tiere,
sondern auch Bäume und Pflanzen.
Ich habe gelernt, sie als unsere älteren Brüder und Schwestern zu sehen.
Denn sie wurden ja eher geschaffen als der Mensch.
Sie haben nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen
und wurden nicht aus dem Paradies vertrieben.
Darum können wir viel von ihnen lernen.“
„Von den Tieren lernen?“
„Nicht nur von den Tieren,
sondern auch von den Blumen und vom Regen
und vom Wind und von allem.
Alle tragen auf besondere Weise
das Geheimnis des Schöpfers in sich.“
„Aber das gilt doch auch für uns?“
„Ja, das gilt auch für uns.
Was das betrifft gibt es keinen Gegensatz zwischen uns und den Tieren.
In jedem Menschen, dem wir begegnen, können wir die Liebe Gottes erkennen.
Aber es ist nicht immer gleich einfach, das zu sehen und zu erfahren.
Der Mensch spricht dabei ja ein deutliches Wörtchen mit.“

„Was meinst Du?“
„Ich meine nicht, dass man den Menschen gering schätzen sollte.
Wir sind ja nach Gottes Ebenbild geschaffen.
Aber andererseits ist es ja auch so,
dass wir durch unser Denken, unser Tun und Lassen
dieses Bild leicht verfinstern können.“
„Ja, das stimmt“ gab Leo zu „Aber was lernen wir dann von den Tieren?“
„Zu sein, Leo, zu sein.
Sie leben ganz ohne Ausschmückungen, ohne Nebenabsichten,
ohne all die Dinge, mit denen wir uns das Leben erschweren
und uns faktisch voreinander verstecken.
Sie verstecken sich vielleicht einmal vor uns, aber nicht vor sich selbst.
Und jetzt, wo sie so oft in meiner Nähe sind, lerne ich jedes Mal mehr.
Ich sehe ihre Unschuld. Und ich mache mir selbst Vorwürfe, dass ich mich so weit vom Ursprung entfernt habe.“
Leo nickte und sagte „Ja, ja. Ist das nicht unsere Sehnsucht nach dem Paradies?“
„Genau, Leo, genau.
Das ist es, was ich von den Tieren lerne: dass auch nach dem Sündenfall des Menschen das Paradies immer noch da ist.
Und dass wir hin und wieder auch etwas vom Paradies erfahren können.“
„Aber was ist dann mit den wilden Tieren, den Raubtieren?
Die rauben und zerreißen und sind für den Menschen und die übrigen Tiere
eine rechte Qual.“
„Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht, Leo.
Ich glaube, dass auch die wilden Tiere Bestandteil des Paradieses sind.
Auch sie empfangen ihre Nahrung aus der Hand des Herrn.
Und sie töten nicht aus Hass oder aus Rache oder Machtgier, wie wir das tun.
Sie töten um zu leben.
Meinetwegen brauchten diese Tiere nicht wild zu sein,
aber da sie nun einmal so sind,
können wir auch von ihnen eine weise Lehre empfangen,
auch wenn wir die nicht direkt verstehen.“

„Und was wäre diese Lehre dann?“
„Vielleicht müssen wir von den wilden Tieren lernen,
dass das Paradies noch etwas auf sich warten lässt.
Oder dass das zukünftige Paradies kein Ende an Fressen und Gefressen werden macht,
sondern dass es vielmehr in der Wiederentdeckung der Unschuld besteht.“
„Wenn das so ist“ antwortete Leo „dann würden wir in unserer Unschuld das Paradies schon in uns tragen.“
Franziskus lachte. „Nun, Leo, das hast Du prima gesagt.
Ja, dann würden wir in unserer Unschuld das Paradies schon in uns tragen.“
Und er schloss „Und dann gehen wir jetzt mal wieder an unsere Arbeit.“

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10. Wie das Meer

Eines Morgens kam ein Benediktinermönch, um für die Brüder die Messe zu feiern.
Zusammen mit den übrigen Brüdern verfolgte Leo andächtig das Ritual. Der Priester hielt eine kurze Predigt zum Evangelium nach Johannes. Darin sagt Jesus „Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt.“ Während der Priester die vertrauten Texte der Eucharistie weiter betete, kehrten Leos Gedanken immer wieder zu diesem Text zurück. Ein vertrauter Text, aber zugleich auch ein eigenartiger Text. Wie kann man denn jemandem gebieten zu lieben? Das passt doch nicht zusammen?

Leo sprach Franziskus an.
„Darf ich Dich etwas fragen?“
„Natürlich“ antwortete Franziskus.
„Wie kann der Herr uns nur gebieten zu lieben?
Man kann doch nicht auf Befehl lieben?“
„Da fragst Du mich was, Leo“ antwortete Franziskus.
„Das klingt auf den ersten Blick wirklich etwas eigenartig.“
Er dachte nach.
„Wenn ich nochmal gut darüber nachdenke,
ist es doch wohl wirklich ein Gebot.
Der Herr gebietet uns zu lieben, weil er will, das wir leben.“

„Leben? Aber wir leben doch schon?“
„Es gibt Leben und Leben, Leo.
Es gibt Leben, das man von seinen Eltern empfängt
und es gibt Leben, das von Gott kommt.
Die beiden kann man nicht voneinander trennen,
aber es gibt wohl einen Unterschied.
Alles, was geboren wird, wächst und blüht,
wird alt und stirbt wieder.
Das ist der natürliche Zyklus.
Aber Jesus findet, dass das nicht genug ist.
Er verlangt von seinen Jüngern,
während dieses Zyklus zu göttlichem Leben zu finden.
Und das ist ein Leben aus Liebe.“

„Leben aus Liebe ist erst wirkliches Leben?“
versuchte Leo zusammenzufassen.
„Ja, so könnte man sagen.“
„Puh“ sagte Leo „Das klingt sehr schön,
aber wie kommt man denn zu diesem echten Leben?“
„Zulassen, Leo, geschehen lassen.“
„Wie meinst Du das: zulassen?“

„Die Liebe kannst Du Dir vorstellen als ein endloses Meer.
Und wir sind das Land.
Das Meer brandet an unsere Küsten und sucht überall einen Zugang,
um in das Land einströmen zu können.
Aber aus Angst vor dem Meer
haben wir allerlei Begrenzungen geschaffen,
hinter denen wir uns sicher fühlen.
Mauern und Deiche und was nicht alles.“

„Aber das muss doch auch so sein?“ sagte Leo.
„Was das normale Meer betrifft, stimmt das wohl, denke ich,
aber wir haben auch ziemliche Barrikaden angehäuft
gegen das Meer der Liebe.“
„Weil wir Angst haben vor dem Meer, Angst vor der Liebe?“ fragte Leo verwundert.
„Wer hat denn schon Angst vor der Liebe?“
„Ach Leo, die Liebe scheint so süß und verbindend zu sein,
aber wenn die Liebe Dich zu fassen kriegt,
kann es eine verwüstende Kraft entwickeln.
Irgendwo tief in unserem Inneren wissen wir das.
Auch in uns liegt die Urkraft der Liebe verborgen.
Und wenn die einmal geweckt wird, dann gibt es kein Halten mehr.“
Und er fuhr fort:
„Das Gebot des Herrn bedeutet meiner Meinung nach,
das wir all die Barrikaden, hinter denen wir uns verschanzen,
abbrechen, aufräumen, wegschaffen, dem Erdboden gleich machen.
Dass wir aus Sehnsucht nach Liebe, ja, aus Liebe zur Liebe,
uns so wehrlos machen, dass das Meer uns erreichen kann
und uns überspülen kann.“

„Aber dann werden wir ertrinken“ rief Leo aus.
„Ja“ bestätigte Franziskus, „dann werden wir ertrinken.
Dann werden wir ertrinken in der Liebe.“

Und er schien sehr zufrieden zu sein mit seiner Antwort.
So zufrieden, dass Leo es nicht wagte, weiter zu fragen.

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11. Aus Liebe für die Liebe

Nach einer intensiven Zeit bei seinen Brüdern in Portiuncula verlangte Franziskus sehr danach, sich zurückzuziehen. Er beschloss, zur Einsiedelei auf dem Berg La Verna zu gehen und nahm Leo mit auf seinem Weg.
Leo hatte sich in der letzten Zeit häufiger mit Franziskus über die Liebe unterhalten. Er sah, wie Franziskus davon verzehrt wurde und wollte dieses Geheimnis so gerne tiefer verstehen lernen.
Nach einem langen Weg kamen sie in einem Dorf an der Flanke des Berges an. Sie ruhten etwas aus und baten die Menschen „um der Liebe Gottes willen“ um etwas zu essen. Sie setzten sich im Schatten einer Scheune. Mit der warmen Mauer im Rücken und dem Tal zu ihren Füßen begannen sie zu essen, nachdem sie Gott dafür gedankt hatten.
Da fragte Leo:
„Franziskus, wir bitten die Menschen, uns um der Liebe Gottes willen‘ etwas zu geben.
Aber was meinen wir damit?“
„Ja, wir sagen es so leicht,
aber es ist nicht ganz einfach zu ergründen.“
„Wie meinst Du das?“
„Was wissen wir schon von der Liebe Gottes, Leo, was wissen wir davon?“
„Aber die Güte der Menschen, die uns unterwegs geholfen haben,
das ist doch auch Liebe.“
Hat die denn nichts mit der Liebe Gottes zu tun?“
„Genau das ist es eben nicht, Leo, nichts geschieht unabhängig von der Liebe Gottes.“
„Nichts?“
„Nichts!“
Leo wurde kurz still und begann dann wieder:
„Und wenn wir die Menschen ‚um der Liebe Gottes willen‘ um etwas bitten?
„Dann ist das eine Einladung Gottes,
uns dieser Liebe zu nähern,
von der wir nichts verstehen.“


„Ach Franziskus“ sagte Leo ungeduldig.
„Werd‘ doch etwas deutlicher.“
„Ich wollte, ich könnte es, Leo.
Aber die Liebe Gottes ist von anderer Art
als alles, was wir von der Liebe sagen und erleben können.
Wenn wir über die Liebe Gottes sprechen,
sind wir allesamt blind, gefühllos und taubstumm.“

„Sag das nicht, Franziskus“ stöhnte Leo.
„So darf man nicht über die Liebe sprechen.
Es gibt unter uns doch viel Gutes, Selbstlosigkeit und Großmut.
Die lassen doch auch etwas von der Güte und Großmut,
von der Liebe Gottes durchscheinen?“
„Ja, Leo, die Liebe Gottes wird sichtbar
in dem Brot, das wir bekommen,
in der Luft, die wir einatmen,
in der Bruderschaft, die wir erfahren.“
„Na also?“ drängte Leo.
„Was, na also?“ sagte Franziskus.
„Dann wissen wir doch von der Liebe Gottes.“
„Das stimmt, Leo, wir wissen davon.
Wir wissen davon wie jemand,
der von einem Boten etwas weiß über den König.
Aber das ist ein unsicheres Wissen, Leo.
Wir wissen ja nicht, ob wir den Boten gut verstehen.
Es ist sehr gut möglich, dass wir mit seiner Botschaft etwas anstellen,
indem wir ihr eine Bedeutung geben, die uns selbst gut passt.
Außerdem ist der Bote auch nicht der König.
Und wer ihn für den König hält, begeht einen großen Irrtum.“
Und er setzte fort:
„Nein, Leo, ich habe Angst,
dass viele Menschen in ihre eigene Gutheit und Großmut verliebt sind
und dass wir nicht die Liebe zur Liebe zu uns durchdringen lassen.“
„Und wenn wir dann um etwas bitten aufgrund der Liebe Gottes?“
hielt Leo dagegen.
„Dann bitten wir um etwas von Gott um Gottes willen.“
„Und damit würden wir aus uns selbst herausgehen…?“
„Ja, dann würden wir aus unserem tiefsten Inneren
uns dem Raum der Liebe Gottes nähern.
Wer dann liebt, der liebt aus Liebe zur Liebe.
Wer dann etwas Gutes tut, tut Gutes aus der Güte des Gütigen.“

Leo wurde ein bisschen schwindelig und zugleich hatte er den Eindruck,
dass er begann, genau darin etwas von dem zu begreifen,
was Franziskus meinte.
So saßen sie noch eine Weile.
Dann lösten sie sich von der Mauer, streckten ihre Glieder
und setzten ihren Weg zur Einsiedelei auf der Spitze des Berges La Verna fort.

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12. Ertrunken

Franziskus war auf den Berg La Verna gestiegen. Wie so oft hielt Leo – etwas weiter unten – die Wache. Er sollte Neugierige von diesem Ort fernhalten, sodass Franziskus sich ungestört dem Gebet widmen konnte.
Es war am späten Nachmittag. Die Sonne war noch warm und die Grillen sangen ihren monotonen Psalm. Hoch in der Luft trieben zwei Bussarde in großen kreisen über dem Felsen, wo Franziskus betete.

Von der Hitze überwältigt war Leo in ein Nickerchen versunken, als er von einem Schrei aufgeschreckt wurde. Er sah sich um, ob er den Vogel sehen konnte, von dem das Geräusch stammte. Aber der Himmel war leer. Es wird Franziskus sein, dachte er, und in seinem Herzen verband er sich mit ihm, um so mit ihm zusammen zu beten und von seinem Gebet zu profitieren.

Von Neuem ertönte ein Schrei.
Ja, das war Franziskus. Es war nicht ungewöhnlich, dass man Franziskus aus der Ferne hören konnte, wenn er in ekstatischem Gebet verweilte. Aber dieses Mal klang es anders und Leo war auf der Hut.
Noch mehr Geräusche folgten und dann wurde es still.
So still, dass man Gänsehaut davon bekam. Sogar die Grillen verstummten.
Leo wusste nicht, was er tun sollte. Franziskus wollte ab-so-lut nicht gestört werden im Gebet. Er hatte schon einmal eine deutliche Abfuhr bekommen, als er einmal auf die Rufe reagiert hatte, um Franziskus beizustehen.
Leo lief hin und zurück; setzte sich hin und stand wieder auf. Die Ohren gespitzt auf jedes Geräusch lauschend. „Herr, was soll ich tun?“ betete er für sich. Die Antwort schien zwischen den Bäumen zurück zu hallen, obwohl sie nur in seinem Herzen zu hören war: „Geh und hilf Franziskus.“
Umsichtig näherte Leo sich dem Felsen, wo Franziskus betete. Er sah nichts. Der Fels schien verlassen zu sein. Oder doch, da! Da lag die unscheinbare Gestalt von Franziskus.
Ein großer Schrecken befiel Leos Herz. Er lag da, als ob er aus großer Höhe herabgestürzt war, eins mit dem Felsen.
Was war hier los?
Leo schlug ein Kreuzzeichen und näherte sich der zerschmetterten Gestalt.
Oh mein Gott, ja, es war Franziskus, natürlich war es Franziskus.
Er lag vornüber gebeugt auf dem Felsen und links und rechts von ihm war Blut zu sehen.
„Franziskus“ stöhnte er, „was ist passiert? Du bist doch nicht tot?“

Er legte seine Hand auf Franziskus‘ Rücken und fühlte eine leichte Atembewegung. Gottseidank! Er lebt noch.
Er kroch näher an den Körper heran. Mehr Blut. Was war nur geschehen?
Mit seinen beiden großen Händen umfasste er den kleinen Körper von Franziskus und drehte ihn vorsichtig auf die Seite.
Er wusste nicht, was ihn mehr erschreckte: der verwundete Körper oder die Verzückung auf Franziskus‘ bleichen Gesicht.
„Franziskus, Franziskus“ flüsterte Leo.
Franziskus bewegte die Lippen. Seine Augenlider vibrierten.
Besorgt, dass er ihm Schmerzen zufügen könnte, drehte Leo den Körper weiter um und zog ihn auf seinen Schoß. Da saß er – mit einem offensichtlich sterbenden Franziskus in seinen Armen.
Leo streichelte ihm übers Gesicht und flehte ihn an, nicht zu sterben. Er begann, leise zu jammern und zu beten.
Franziskus öffnete mit großer Mühe seine Augen. Und als Leo ihm dann endlich in die Augen schaute, sah er dort das, wovor er vielleicht noch mehr Angst hatte als vor dem Tod von Franziskus.
Er sah, dass sein geliebter Freund und Lehrer ertrunken war, ertrunken in der Liebe.
Er fröstelte und zog ihn näher zu sich heran.

>> Ueber Liebe, 12 Gespräche mit Franziskus als Büchlein (pdf)
>> Ueber Liebe, Einleitung

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Guy Dilweg, Oktober 2011